Tanzanian Sky Water

Wasser aus Nebel gewinnen? Die Idee der Organisation ped World hat uns ziemlich begeistert. Deshalb haben wir uns entschlossen, sie dieses Jahr zu unterstützen. Als das erste Projekt der GOOD WATER PROJECTS. Zwei riesige Nebelnetze wurden Anfang März in einem kleinen Bergdorf im Norden Tansanias aufgestellt, weitere folgen später im Jahr. Durch die Nebelnetze haben die Kinder der lokalen Schule endlich Zugang zu sauberem Trinkwasser. 

Lest in unserem Reisetagebuch, was wir beim Aufbau erlebt haben.

Die Ankunft

Nach langen Wochen der Planung und des Vorbereitens steht das erste Projekt der Good Water Projects. Die Mission: Nebel zu Trinkwasser zu machen, um das Leben der Menschen vor Ort ein kleines bisschen zu verbessern. Und weil es langweilig wäre, die Nebelkollektoren für die Region Babati, im Norden Tansanias nur zu finanzieren, fahren wir hin und helfen vor Ort beim Aufbau. 

Wir, das sind Kaya, Anna und Alex. Kaya, die Chefin, Anna, das Mediamädchen, Alex, der Fotograf und Kameramann. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation ped World aus Heidelberg und der lokalen Schule in Endabok wollen wir zwei Doppelkollektoren in unmittelbarer Nähe der hiesigen Grundschule errichten.

Der Treffpunkt am Flughafen Hamburg ist mit viel Puffer für 9.00 Uhr angesetzt. Wir fürchten nämlich, dass uns schon hier einige Hürden erwarten. Immerhin reisen wir mit mehreren Koffern Kameraequipment, Material für die Netze, einer Auswahl unserer Produkte, diversen Mitbringseln für vor Ort und ein, zwei frischen T-Shirts für den Eigenbedarf. Wie sich herausstellt, sind letztere sind das geringste Problem – 17 Kilo Übergepäck! Nach zwei Stunden, einem zusätzlichen Kofferkauf, und mehreren Umpackversuchen stehen wir dann doch genau rechtzeitig am Gate. Es kann dann losgehen!

Im Gegensatz zum Start in Hamburg ist der Flug nach Kilimandscharo unkompliziert und angenehm. Dresscode im gesamten Flieger: Bergsteigerstiefel. Ansonsten: Ein kurzer Zwischenstopp in Istanbul, viel Schlaf, ein paar Filme und große Erwartungen und Vorfreude.

Um 2.45 Uhr frühmorgens landet unsere Maschine in Kilimandscharo. Die Luft ist warm und schwül. Der Flughafen ist klein und verfügt nur über das Nötigste. Wir sind neugierig. Die Einreisebeamten sind zurückhaltend, fokussiert und leider nicht für ein Schwätzchen aufgelegt – wären wir aber auch nicht, wenn wir um drei Uhr nachts arbeiten müssten. Es geht aber alles glatt. Wir sammeln unsere Siebensachen ein, werden von einer lokalen Dame durch den Zoll geschleust, und treffen unseren Fahrer Theo, der uns in die knapp eine Stunde entfernte Unterkunft in Arusha bringt. Es ist stockdunkel draußen, Geräusche und Gerüche sind die einzigen Eindrücke, die wir auf der Fahrt über ungeteerte Straßen voller Schlaglöcher und Riesenpfütze sammeln können. Alles andere bleibt für heute unserer Fantasie überlassen. Aber wir sind überzeugt, es muss wunderschön sein.

Unsere erste Unterkunft ist die Kiboko Lodge in Arusha. Kiboko bedeutet "Hippo" auf Swahili. Aber das Hippo, das dort einst lebte, hat sich inzwischen einen anderen Ort zum Leben gesucht. Die Kiboko Lodge ist ein Projekt der dort ansässigen Watoto Foundation, das von ehemaligen Straßenkindern und dort lebenden Massai geführt und unterhalten wird. Sämtliche Einnahmen aus der Lodge fließen in die Watoto Stiftung, die Straßenkindern eine Ausbildung, eine Aufgabe und damit eine Zukunft zu gibt. Gute Sache. Herzlich werden wir dort in Empfang genommen. Jetzt heißt es aber erst mal ankommen. Und vor allen Dingen schlafen!

Tag 2

Früh weckt uns Vogelgezwitscher, Gezirpe und das Geschrei der Ibisse. Die Nacht war kurz, aber die Müdigkeit weicht der Neugierde.

Was wir in der Nacht nicht sehen konnten, offenbart sich uns jetzt und raubt uns den Atem: die Kiboko Lodge liegt inmitten einer wunderschönen grünen Sumpflandschaft, am Ngurdoto Krater, unweit des Meru, auf den sich an diesem Morgen ein beeindruckender Blick bietet. Tansania, du bist zauberhaft!

P(e)d World ist an diesem Morgen in der Lodge eingetroffen und man begrüßt sich zum gemeinsamen Frühstück.

Zeit für ein paar Fragen und Antworten:

Wer ist nun eigentlich ped World und wer steckt dahinter?

Ped World wurde von Bernd Küppers und Christina Bösenberg als ein gemeinnütziger Verein gegründet, der sich darauf spezialisiert hat, soziale Projekte als Selbsthilfe in der dritten Welt mithilfe der finanziellen Hilfe von europäischen Unternehmen und Stiftungen zu fördern und umzusetzen und fungiert hier in einer Koordinationsfunktion zwischen Investoren und sinnvollen Hilfsprojekten vor Ort. So auch in Sachen Nebelkollektoren. Denn die Gewinnung von Trinkwasser aus Nebel ist eine neue und bisher unausgeschöpfte Möglichkeit, Wasser in Regionen zur Verfügung zu stellen, die vom Ungleichgewicht bisher besonders betroffen waren. Und dabei ist diese Technologie bereits seit 20 Jahren im Einsatz und funktioniert.

Was genau leisten eigentlich Nebelnetze?

Ein einziger Quadratmeter eines Nebelnetzes - ein spezielles, feinmaschiges Netz, das in Chile produziert wird - filtert feinste Wassertropfen aus den Wolken, die vom Wind durch die Netze getrieben werden, und erntet Wassermengen von fünf bis zehn Litern, an Spitzentagen auch über 20 Liter pro Tag. Ein Standardnetz von 40 Quadratmetern kann also täglich 200 bis über 1.000 Liter Trinkwasser bereitstellen.

Wir bauen 2 Doppelkollektoren in Endabok, d.h. im besten Fall werden 4.000 l Wasser pro Tag an unserem Standort, also der Schule und den umliegenden Dörfern zur Verfügung gestellt. Auf das Jahr gerechnet ergibt das eine Zahl von 1,46 Millionen Liter Wasser. Sofort nutzbar, ohne Filteranlagen. Eine stolze Zahl und Tatsache und wir freuen uns darüber.

Weitere Protagonisten unseres Teams: Innocent und Vuyo vom Blogger-Trio I See A Different You.

I See A Different You sind drei Kreativköpfe aus Südafrika, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, der Welt eine neue und verbesserte Wahrnehmung von Afrika zu zeigen. Die Jungs portraitieren eine Welt, die nicht das afrikaübliche Bild von Armut, Krankheit, Kriminalität und Aussichtslosigkeit skizziert, sondern Romantik, Spaß, Stilbewusstsein und Chancen aufzeigt. Nicht zuletzt durch ihre eigene Inszenierung. Und man glaubt es ihnen. Spätestens wenn man ihnen gegenübersteht. Justice, Innocent’s Zwillingsbruder konnte leider nicht kommen.

Tolle Menschen, tolle Organisation, tolles Projekt. Wir sind uns sicher, die kommenden Tage werden spannend.

Der Tag dient erst mal dazu in Tansania anzukommen. Gemeinsam. Insgesamt sind wir eine Truppe von 11 Leuten, 3 Fahrer, 3 Geländewägen. Den Nachmittag verbringen wir im Arusha Nationalpark. Die ersten Zebras, Flamingos und Büffel werden gesichtet, die ersten Bilder werden geschossen, die ersten Eindrücke von Tansania entstehen, die Stimmung unter uns allen ist mehr als wunderbar.

Unser Fazit des Tages: Tansania ist wunderschön, die Gruppe ist toll und die Menschen hier vor Ort faszinieren uns.

Tag 3

Der nächste Tag beginnt früh. Und das soll sich die kommenden Tage auch nicht ändern. Ein kurzer Besuch im Huruma Waisenhaus auf dem Weg nach Arusha steht an. Das Waisenhaus ist eines der Projekte, das von ped World vor Ort zusätzlich unterstützt wird. Rund 20 Kinder zwischen 3 und 16 Jahren haben dort ein neues Zuhause gefunden. Und gut ist die Stimmung dort auch.

Nach der kleinen Stippvisite macht sich die Gruppe auf nach Arusha, zum Einkaufen. Wir sind gespannt auf die Stadt, haben wir doch bislang keinerlei Vorstellungen wie es dort aussehen könnte. Immerhin ist das unser erster Besuch in einer größeren Stadt hier in Tansania.

Die Materialien für die Nebelkollektoren werden vor Ort beschafft, dazu gehören neben Schrauben, Klemmen, Power Pullern (eine Art Flaschenzug), mehreren Meter Drahtseil, Werkzeug auch die Wassertanks mit jeweils 1000 bis 2000 Liter Kapazität. Die Netze hingegen werden in einem besonderen Verfahren in Chile produziert und direkt nach Kilimandscharo geliefert.

Arusha selbst ist ein wenig staubig, laut und wuselt vor Geschäftigkeit und Verkehr. Die Trinkwasserknappheit wird bereits hier sichtbar. Wir sehen beim Fahren durch die Stadt wie Kinder und Erwachsene aus wenigen schwarzen Tümpeln Wasser holen oder in Straßengräben nach Wasser graben. Kaum vorstellbar.

Am Nachmittag geht es weiter gen Westen nach Babati, in die Region, in der in den kommenden Tagen die Netze aufgebaut werden. Babati ist rund 4 Stunden von Arusha entfernt. Die Fahrt führt uns durch die Massai Steppe, eine wundervolle Landschaft, mit mindestens hundert verschiedenen Grüntönen. Hier und da blitzt das rot und blau der Massaikleider hervor. Wir können uns kaum satt sehen an diesen Bildern.

Am frühen Abend erreichen wir das kleine Dorf Soleto. Soleto ist ein Teil der Gemeinde Dareda. In Soleto beherbergt uns Mama Stella in ihrer kleinen Pension, die dem St. Joseph Vocational Center angegliedert ist, einer Schule hier vor Ort.

Mama Stella empfängt uns herzlich und wir fühlen uns sofort wohl. Nach einem gemütlichen und typischen tansanischen Abendessen verschwinden wir in unseren 11 kleinen Zimmern, denn morgen beginnt der Aufbau und wir wollen fit sein!

Tag 4 und 5

Heute beginnt endlich der Aufbau der Nebelnetze! Und weil der frühe Vogel den Ton angibt, versammeln wir uns gleich nach dem Frühstück auf dem Gelände des Vocational Centers um die Netze abzumessen und zurecht zu schneiden. Außerdem müssen die Autos mit allen notwendigen Materialien und den Wassertanks beladen werden. Und wir haben Zuwachs bekommen: die Mannschaft ist nun stolze 16 Mann stark. Hinzu gekommen ist das tansanische Team, das das deutsche ped World Team normalerweise vor Ort vertritt, Ortsbegehungen durchführt und Testkollektoren vor dem eigentlichen Aufbau der Hauptnetze installiert.

Die Netze werden in langen Bahnen auf einer großen Wiese ausgerollt und auf 10 Meter straff gezogen, abgemessen, beschnitten und zusammengelegt. Eine Arbeit, für die alle helfenden Hände benötigt werden. Vier Netze benötigen wir für unsere beiden Doppelkollektoren, das dauert. Zwei Näherinnen werden sich über den Tag mit dem Abnähen der Netzkanten beschäftigen, während wir „oben“ in Endabok (2.200m ü.M.) die Konstruktionen vorbereiten.

Die Netze sind aus Polyurethan und werden in Chile gefertigt. Der kanadische Professor Robert Schemenauer hat sich der Idee Wasser aus Nebel zu gewinnen bereits Anfang der 90er Jahre gewidmet. Ein Teil seiner Forschung befasste sich auch mit dem Material der Netze und es dauerte ganze zehn Jahre bis er die optimale Struktur der Membran entdeckt hatte. Nach diesem Kenntnisstand werden die Netze heute produziert.

Schwer beladen geht die Fahrt über Stock, Stein und Schlagloch in das eine Stunde entfernte Endabok. Von geteerten Straßen keine Spur. Aber das macht nichts, so bleibt man wach. Unterwegs legen wir noch einen kleinen Boxenstop an der Qameyu Secondary School ein, die seit zwei Jahren über drei Doppelkollektoren verfügt. Wir wollen schließlich gerne wissen, wie das Ganze fertig und in Farbe aussehen soll. Und uns vom Erfolg der Netze überzeugen. Und tatsächlich, ein 1000 l Tank ist bis zum Rand mit Wasser gefüllt! Es funktioniert also wirklich!

In Endabok schließlich angekommen, begutachten wir gemeinsam den Standort und legen die genauen Abmessung und die Positionierung der Netze fest. Ein paar Arbeiter aus dem benachbarten Dorf kommen hinzu und graben mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Ausdauer mehrere 1,50m tiefe Löcher, und das in einer knappen Stunde! Für die nächsten Stunden gilt es für alle, schwere Steine zu hieven, meterweise Drahtseile zu schneiden, die Grundkonstruktion, d.h. Pfosten und Seile, vorzubereiten. Die Arbeit geht uns gut und flink von der Hand und wir können den Tag mit ein bisschen Äquator-Sonnenbrand und ein paar Schwielen mehr an den Händen pünktlich zum Sonnenuntergang um 18 Uhr beenden.

Am nächsten Vormittag wird die erste Grundkonstruktion hochgezogen. Die schweren Steine wurden in die 1,50m tiefen Löcher gefüllt, um die mit einer Drahtseilkonstruktion fixierten Pfosten zu beschweren.

Das Spannen der Drahtseile und das Anziehen aller Klemmen und Schrauben dauert einen Moment und Kaya und Anna werden mit Ratschen und Power Pullern ausgestattet um genau das zu übernehmen.

Das gesamte Team arbeitet so fix, dass am Ende des fünften Tages beide Konstruktionen stehen, fertig gespannt sind und drei von vier Netzen fertig hängen. Der Teil des Netzaufhängens hat was Feierliches. Denn alle gemeinsam halten und spannen die Netze und auch Kinder der Schule haben sich unter uns gemischt und packen mit an.Wenn das Netz auf die Konstruktion gezogen wird, fühlt es sich an, als würde unsere eigene kleine Flagge gehisst werden. Auf jeden Fall kommen wir der Sache optisch und auch funktional schon eindeutig näher. Und wenn wir so weitermachen, haben wir unsere Netze in 2,5 Tagen hochgezogen. Ob das ein Rekord ist wissen wir nicht, aber es fühlt sich trotzdem gut an.
 
Auf Wiedersehen, Tansania!

Die Arbeit in Tansania ist beendet und das Team ist in der Zwischenzeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge wieder nach Hause zurückgekehrt. Unser Film wurde veröffentlicht und lässt uns immer wieder gerne in Erinnerung an die schönen Momente in Tansania schwelgen. Wir sind gespannt, wie ergiebig die Wasserernte an den Netzen in Endabok in den kommenden Wochen und Monaten sein wird - wir werden aber in jedem Fall über einen ersten Zwischenstand bald berichten.

Viel Sonnenbrand, nur einen Verletzten und zwei starke Regengüsse – mehr gab es auf unserem ganzen Weg nicht zu beanstanden.

Das Reisetagebuch soll nun aber nicht mit dem letzten gehängten Netz und der letzten montierten Regenrinne sein jähes Ende finden, vielmehr drängen sich mir noch ein paar Worte zu der ganzen Reise auf, mit der ich den Reisebericht fürs Erste (zumindest bis zum nächsten Projekt) schließen möchte.

Wenn man als Tourist nach Tansania reist, bekommt man meist nur einen oberflächlichen Eindruck des Landes. Als Teilnehmer und Mitwirkender an einem Projekt an dem Einheimische, Organisatoren und Sponsoren gemeinsam arbeiten, ist die Erfahrung in und mit dem Land zweifellos eine grundlegend andere. Um ein wenig mehr von Tansania begreifen, muss man - soweit es als Außenstehender natürlich möglich ist - in den Alltag und die Aufgaben der Menschen eintauchen. Miteinander zu arbeiten, zu agieren und etwas zu schaffen vermittelt mehr von der dort gängigen Lebensweise als das bloße Zuschauen von Außen. Und wir glauben diesen Einblick tatsächlich erhalten zu haben. Inklusive einiger Vokabeln mehr auf Swahili.

Aber nicht nur das. Die gemeinsame Arbeit hat uns alle, die sich nur kurz kannten oder erst kennengelernt haben, einander näher gebracht – und so etwas wie Freunde aus uns gemacht.

Tansania selbst mit Worten zu beschreiben war eine der größten Herausforderungen während des Schreibens dieser Texte. Denn man kann es fast nicht. Dieses Land ist so lebendig und voller Energie, von Geheimnissen und Abenteuer durchdrungen, man kann nicht einfach nur hinfahren und dann wieder wegfahren. Afrika ist von einer Zeitlosigkeit geprägt, die einen dazu bewegt seine Einstellung gegenüber den Dingen, die wichtig und die unwichtig sind, zu verändern.

Wir aber wissen eines: Tansania, wir kommen wieder!

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